• Gründungsberaterin Angelika Wickboldt im Interview

    "Manche Ideen sind so toll, da möchte man selbst nochmal durchstarten" - Angelika Wickboldt, seit 15 Jahren Gründungsberaterin in der Gründungswerkstatt Enterprise, im Interview über ihre langjährige Erfahrung, Veränderungen in der Gründerszene und Tipps für Gründungswillige.

     

    Angelika Wickboldt berät seit 15 Jahren GründerInnen innerhalb der Gründungswerkstatt Enterprise der gemeinnützigen Social Impact GmbH. Enterprise ist eine Gründungsberatung für junge Menschen bis 30 Jahre, die arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind und sich im Land Brandenburg selbstständig machen wollen. Seit 1999 ist bereits über 400 GründerInnen mit Hilfe von Enterprise der Schritt in die Selbstständigkeit gelungen.

     

    Liebe Angelika, könntest du dich und deine aktuelle Position bei Enterprise kurz vorstellen?

    Ich, Angelika Wickboldt, bin Diplom-Betriebswirtin und eine der „dienstältesten“ MitarbeiterInnen bei Social Impact. Als „VDG testierte“ Gründungsberaterin bin ich in der Gründungswerkstatt Enterprise seit 2000 tätig. Ich habe an verschiedenen Standorten im Land Brandenburg gearbeitet, zuletzt als mobile Beraterin in Potsdam und war in mehreren Städten und Landkreises des Landes Brandenburg tätig. Im vergangenen Zeitraum war ich als KfW Coach zertifiziert.

    In diesem Jahr 2016 gehe ich in Rente und werde den Staffelstab an jüngere Berater abgeben. Das stimmt mich etwas traurig, denn ich blicke auf eine tolle Arbeit in einem tollen Social Impact-Team zurück. Die Inhalte der Beratungsangebote und die Arbeit mit einer jungen Zielgruppe haben mir viel Freude gemacht. Ich habe in den über 15 Jahren nach meinem Leitbild “Hilfe zur Selbsthilfe“ meine Erfahrungen gern an junge Menschen, die sich selbstständig machen, weitergegeben.

     

    Wie viele Gründungswillige hast du denn seit damals schon beraten und gecoacht? Über die Jahre kamen sicher ganz schön viele zusammen, oder?

    Ich selbst habe sehr viele GründerInnen beraten und gecoacht, die genaue Zahl habe ich leider nicht parat. Einige Hundert werden es in den 15 Jahren gewesen sein. Aber die Vielzahl unserer erfolgreichen GründerInnen ist nicht allein mein Verdienst, im Social Impact-Team in Potsdam gibt eine Vielzahl von Berater-KollegenInnen, die durch Prozess- und Fachberatungen die Vorgründungsberatungen inhaltlich mitgestalten. Wir arbeiten im Team und schnüren gemeinsam für alle Gründungswilligen das notwendige, individuelle Beratungspaket.

     

    In welchen Formen führst du Beratungen durch und welche Form hältst du für besonders gut geeignet?

    Ich führe im Rahmen der Erstgespräche und Check-Ins (Profilingphase) Einzel- und auch Gruppenberatungen durch. Beide Beratungsformen haben sich bewährt, in den Einzelberatungen können neben der Beratung zum Gründungsfahrplan auch persönliche Themen (Vereinbarkeit von Familie und Selbstständigkeit) intensiver besprochen werden. Gruppenberatungen haben den Vorteil, dass man die TeilnehmerInnen gut miteinander vernetzen und Erfahrungen untereinander ausgetauscht kann. Auch bereite ich nach Beendigung der Beratungsprozesse die „Abschlusspräsentationen“ vor. Die TeilnehmerInnen präsentieren vor dem Enterprise-Team und anderen GründerInnen ihre Geschäftsidee. Hier sind Gruppenveranstaltungen ebenfalls von Vorteil.

     

    Was gefällt dir besonders in der Arbeit als Beraterin bei Enterprise?

    Mir gefällt besonders, dass man jeden Tag mit anderen Gründungsideen konfrontiert wird. Vom Handwerks- und Handelsbetrieb über das Sozialunternehmen bis zu IT Dienstleistungen und Gründungen in der Kreativwirtschaft, alle möglichen Ideen sind vertreten. Dadurch bleibt man selbst aktuell „am Ball“ und beschäftigt sich mit alt bewährten, neuen, spannenden und kreativen Geschäftsideen. Manche Ideen sind so toll, da möchte man selbst noch einmal durchstarten.

     

    Du hast in deiner Zeit bei Enterprise sicher viele besondere und persönliche Geschichten erlebt – was hat dich besonders berührt?

    Es gab in den vielen Jahren sehr viele junge GründerInnen, die mir sehr am Herzen lagen. Die Gründungen von jungen, selbstbewussten Frauen, die bereits schon eine Familie gegründet haben oder ganz am Anfang einer neuen Lebensphase stehen, hat mich immer sehr bewegt und beeindruckt. Ich habe bei der Umsetzung vieler guter Gründungsideen selbst immer mitgefiebert. So freut es mich immer sehr, wenn man Einladungen zu Betriebsjubiläen erhält und in einer Rede erwähnt wird, dass man es ohne die beratende Unterstützung durch die Gründungswerkstatt Enterprise niemals gewagt hätte, ein Unternehmen zu gründen. Das erfüllt einen selbst mit Stolz.

    Eine Gründerin kam vor Jahren zu mir zum Erstgespräch und erzählte, dass sie keinen festen Wohnsitz hatte. Sie gründete nach Überwindung ihrer Obdachlosigkeit ein Online-Handelsunternehmen und schaffte es mit unserer Hilfe, eine Wohnung einzurichten und ein kleines, erfolgreiches Ein-Frau-Unternehmen aufzubauen. Und der erste Gründer, den ich in Brandenburg an der Havel beraten hatte, führt heute immer noch sehr erfolgreich sein IT-Unternehmen und schuf mehrere, feste Arbeitsplätze.

     

    Wie hat sich die Gründerszene in den letzten 15 Jahren verändert? Kommen Gründungswillige heute mit deutlich anderen Vorstellungen, Wünschen oder Vorkenntnissen zu dir als früher?

    Ja, ich bemerke eine Veränderung in der Gründungsszene, seit ich im Jahre 2000 angefangen habe. Das sind zum einen ein höherer Bildungsstand von Gründungswilligen vor einer Gründung (Bachelor oder Masterabschluss) und die Inhalte der Geschäftsideen selbst. Waren es in den ersten Jahren mehr Gründungen im handwerklichen bzw. gewerblichen Bereich sind es in den letzten Jahren mehr Gründungen in den Bereichen Kommunikation, Online-Handel, Webdienstleistungen, Handel mit Bioprodukten, Gesundheit und Soziales. Die Mehrzahl der Gründungswilligen kommt mit klaren Vorstellungen zu uns und kennt ihre Beratungsbedarfe bzw. Defizite. Festzustellen ist ebenfalls, dass viele Gründungen mit finanzieller Unterstützung der Familie und Verwandten erfolgen, in den ersten Jahren meiner Gründungsberatung war das eher selten.

     

    Was macht deiner Meinung nach eine gute Gründerpersönlichkeit aus? Und was einen guten Berater oder eine gute Beraterin?

    Eine gute Gründerpersönlichkeit ist dienstleistungsorientiert, emotional stabil, motiviert, kommunikativ, kann eine gute Fachausbildung vorweisen und ist privat und geschäftlich gut vernetzt.

    Ein guter Berater bzw. eine gute Beraterin agiert mit allen Gründungswilligen auf Augenhöhe, egal ob er oder sie einen Facharbeiter- oder Hochschulabschluss hat oder unterschiedliche Mode- und Lebensstile praktiziert. Ein Beratungsprozess ist immer ein Geben und Nehmen. Der Berater/die Beraterin gibt das Fachwissen an junge Menschen weiter und trifft konkrete Zielvereinbarungen. Der Gründungswillige nimmt die Beratungsunterstützung ernst und arbeitet aktiv in der Vorgründungsphase mit. Nur gemeinsam sind die gründungsspezifischen Aufgaben zu lösen.

     

    Welche Tipps hast du an von der Arbeitslosigkeit bedrohte Gründungsinteressierte? Was könnten erste Schritte sein, um herauszufinden, ob der Schritt in die Selbstständigkeit zur Persönlichkeit passt?

    Jedem Gründungswilligen gebe ich gern folgende, pauschale Tipps:

    • Prüfen, ob man selbst aus fachlicher und kaufmännischer Sicht in der Lage ist, ein Unternehmen zu führen oder freiberuflich tätig zu sein. Wenn man Zweifel hat, sollte man vorher das Knowhow ausbauen und erweitern.
    • Prüfen, ob für das eigene Wertangebot ein Markt vorhanden ist.
    • Prüfen, ob der Standort für die Eröffnung eines Unternehmens optimal ist.
    • Prüfen, ob man die dafür notwendigen Ressourcen hat oder kaufen kann.

    Ein erster Schritt in dieser Überlegungsphase ist hier die Anwendung des Business Model Canvas. In unserer Gründungswerkstatt Enterprise bekommt man ebenfalls Hilfe und Unterstützung, dies konkret herauszufinden und zu analysieren.

     

    Ich danke dir vielmals für deine Zeit und deine ausführlichen und sehr interessanten Antworten, liebe Angelika!

     

    Enterprise wird gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie und das Ministerium für Wirtschaft und Energie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Brandenburg. 

    (Das Interview führte: Felicitas Nadwornicek für Social Impact)


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