Wir haben die Vision einer gerechten und zukunftsfähigen Gesellschaft von morgen. Deshalb entwickeln wir Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimawandel, Fragen der Migration und Integration, Rechtspopulismus oder Stadt-Land-Gefälle. Unser Blog gibt euch Einblicke in unsere Arbeit, in die Erfolge unserer (Social) Startups und hinter die Kulissen. Er zeigt, was uns wichtig ist. Wirft Fragen auf. Gibt Antworten. Unterhält. Und inspiriert. Viel Spaß beim Lesen!
Freitag, 26. April 2024
Unser Geschäftsführer Norbert Kunz hat bei der Industrie- und Handelskammer Deutschland beim Jahrestreffen der Innovationsberater:innern einen Impulsvortag gehalten. Mit ca. 60 Vertreter:innen wurde diskutiert, welche Bedeutung Soziale Innovationen für die Zukunft unserer Wirtschaft haben. Ein Plädoyer von Norbert Kunz:
Der Begriff "Innovation" wird oft mit "Erfindung" gleichgesetzt, doch in Wirklichkeit steht der Begriff „Innovation“ nicht für eine neue Erfindung (Invention), sondern vielmehr für eine „Neuerung“, die eine gesellschaftliche Wirksamkeit entfaltet. Eine Erfindung kann zwar den Ausgangspunkt für eine Innovation darstellen, aber viele Innovationen entstehen durch die Neukombination von vorhandenen Ressourcen oder die Anpassung von Produkten an neue Zielgruppen.
Beispiele wie Carsharing, Airbnb oder Uber sowie die Entwicklung von Mikrofinanzierungsangeboten verdeutlichen, dass Innovationen nicht unbedingt auf bahnbrechenden Erfindungen beruhen. Dennoch beeinflussen sie unsere Lebenswelt maßgeblich. Es ist wichtig zu erkennen, dass nicht jede Erfindung eine gesellschaftliche Wirksamkeit erlangt, sondern Innovationen erst dann entstehen, wenn die Erfindungen aufgegriffen werden und sich diese als Neuerungen in der Gesellschaft durchsetzen – so wurde bspw. das erste elektrische Auto bereits 1888 erfunden.
In Deutschland, wie auch in anderen Ländern, liegt der Fokus des Innovationsdiskurses stark auf der Bedeutung von technologischen Innovationen. Diese werden als grundlegend für die Entwicklung von Business Innovationen betrachtet und damit als entscheidend für die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft angesehen. Daher betrachten viele Wirtschaftsvertreter:innen die Förderung sozialer Innovationen skeptisch, da sie befürchten, dass hierfür finanzielle Mittel von anderen wichtigen Bereichen abgezogen werden könnten. Diese Sichtweise spiegelt oft das Bild eines Haushalts als kommunizierende Röhren wider: Ressourcen, die für soziale Innovationen bereitgestellt werden, fehlen an anderer Stelle.
Ist diese Logik aber richtig?
Im Gegensatz zu rein technologischen oder geschäftlichen Innovationen zielen soziale Innovationen darauf ab, Neuerungen zu entwickeln, die dazu beitragen sollen, soziale oder ökologische Problemlagen effizienter und effektiver zu begegnen als mit den bestehenden Instrumenten und Verfahren. Dabei geht es nicht nur darum, neue Produkte oder Dienstleistungen zu schaffen, sondern auch um die Schaffung neuer Ansätze, Modelle und Strukturen, die soziale oder ökologische Probleme lösen.
Wir können dies anhand mehrerer Beispiele verdeutlichen:
Carsharing: Das Konzept des Carsharings ermöglicht es mehreren Nutzern, ein Fahrzeug gemeinsam zu nutzen. Die ökologischen und sozialen Vorteile des Carsharings liegen darin, dass mit weniger Fahrzeugen die individuellen Mobilitätsbedürfnisse befriedigt werden können. Dies führt zu einem reduzierten Verbrauch von Rohstoffen, weniger Bedarf an Parkraum und letztendlich zu einer Verbesserung der Lebensqualität in städtischen Gebieten.
Mikrofinanzierung: Mikrofinanzierung stellt sicher, dass Gründer:innen, Selbstständige und Kleinunternehmer:innen Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten erhalten. Ohne diese Form der Finanzierung wären viele Kleinunternehmen nicht lebensfähig. Dies hätte nicht nur negative Auswirkungen auf die Nahversorgung, sondern könnte auch dazu führen, dass viele aktuelle Selbstständige auf staatliche Unterstützung angewiesen wären.

Blicken wir nun auf die Zukunft, insbesondere in den Bereich Pflegewirtschaft und Klimaschutz:
Die Krise in der Pflegewirtschaft ist bereits spürbar. Durch den demografischen Wandel steigt die Anzahl pflegebedürftiger Menschen, während gleichzeitig der Fachkräftemangel die Leistungserbringung beeinträchtigt. Selbst wenn es gelingen könnte, genügend Fachkräfte bereitzustellen, würde dies zu erheblichen Kostensteigerungen führen, die von der Pflegeversicherung und steuerlichen Umlagen finanziert werden müssten. Technologische Innovationen können die Arbeit von Pflegekräften erleichtern und die Lebensqualität der Patienten verbessern. Dennoch reichen technologische Neuerungen allein nicht aus, um die Herausforderungen zu bewältigen. Es sind auch neue kollaborative Unterstützungsmodelle, Anreizsysteme zur Aktivierung nachbarschaftlicher Hilfeleistungen, innovative Wohnkonzepte und andere Leistungssysteme erforderlich, um dem Pflegenotstand entgegenzuwirken und um die öffentlichen Kosten zu senken.
Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen:
Soziale Innovationen haben ein klares Ziel: die Reduzierung der gesellschaftlichen Folgekosten. Das bedeutet konkret, dass wir alle weniger für öffentliche Leistungen aufbringen müssen. Dies schafft finanzielle Spielräume, die es uns ermöglichen, politische Entscheidungen neu zu überdenken und prioritäre Bereiche zu fördern. Anders gesagt: Soziale Innovationen dienen der Entlastung öffentlicher Haushalte und ermöglichen eine effektivere Verwendung der verfügbaren Mittel.

Kommen wir zu einem besonders relevanten Thema für die Zukunft der Wirtschaft:
Am 17. April 2024 berichtete die Tagesschau über eine alarmierende Nachricht: Der Klimawandel bedroht die Weltwirtschaft und könnte zu einem Einbruch um ein Fünftel der weltweiten Wirtschaftsleistungen führen, so warnen Forscher:innen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in einer neuen Studie. Besonders wirtschaftlich betroffen sind insbesondere Regionen in Südostasien und Afrika, aber auch für Europa wird ein Einkommensverlust von bis zu 11 % prognostiziert.
Selbst in konservativen Kreisen ist mittlerweile klar, dass die Überbeanspruchung der Umwelt eine direkte Folge unserer Produktions- und Konsumgewohnheiten ist. Die Tatsache, dass unser marktwirtschaftliches System den enormen Verlust natürlicher Ressourcen und die schwerwiegenden Beeinträchtigungen unserer klimatischen Lebensgrundlagen ermöglicht hat, liegt vor allem daran, dass die Preisbildung nicht die Knappheit natürlicher Ressourcen berücksichtigt und freie Güter nicht angemessen bewertet.
Mithin kann die Lösung der klimatischen Probleme auch nicht aus der inneren Logik der Marktwirtschaft erwartet werden, diese benötigt als Antreiber Investitionsanreize und Renditeerwartungen.
Gefordert ist hier der Staat, der durch staatliche Nachfrage, durch die Alimentierung privater Nachfrage oder durch rechtliche Reglementierungen einen Markt schaffen und soziale und ökologische Innovationen ermöglichen kann. Die Schwerpunkte liegen derzeit auf der Förderung von erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarenergie, Wärmepumpen, Wärmedämmung sowie der Elektromobilität. Diese Bereiche sind besonders relevant, um die CO2-Ziele zu erreichen, wobei technologische Innovationen entscheidend sind, um bestehende Systeme effizienter und wirkungsvoller zu gestalten. Wer von diesen staatlichen Interventionen und den Ergebnissen der öffentlichen Technologieförderung profitiert, sollte auch vom Nutzen für die Gesellschaft abhängig sein. Zumindest sollten gemeinwohlorientierte Unternehmen und Initiativen (z.B. Energiegenossenschaften) mit ihren Geschäftsmodellen die gleichen Chancen haben, wie privatwirtschaftliche Unternehmen.
Wirksamer Klimaschutz geht aber auch über Emmissionsreduktion hinaus und basiert zudem nicht nur auf technologischen Lösungen. So wie es Änderungen in den politischen Entscheidungsstrukturen bedurfte, um dem Klimaschutz eine höhere Bedeutung beizumessen, so bedarf es auch Änderungen in den Einstellungen und im Konsumtionsverhalten[MOU1] vieler Menschen. Um dies zu erreichen, bedarf es vieler sozialer Innovationen und vieler Angebote, die deutlich machen, dass ein anderes Konsumverhalten die Lebensqualität nicht einschränkt. Wir brauchen mehr Carsharing, mehr „Unverpackt einkaufen“, mehr vegane Restaurants, mehr faire Produkte, mehr foodsharing, mehr Regionalwirtschaft …
Fazit: Soziale Innovationen haben eine Vielzahl von positiven Auswirkungen für die Wirtschaft der Zukunft. Durch neue Ansätze können soziale Innovationen dazu beitragen, Ressourcen effizienter zu nutzen, Umweltbelastungen zu reduzieren und soziale Probleme anzugehen, was langfristig zu einer nachhaltigeren und gerechteren Gesellschaft führen kann.
In Bezug auf die Wirtschaft können soziale Innovationen neue Märkte schaffen, Arbeitsplätze schaffen und Unternehmen dabei unterstützen, effizienter zu arbeiten und ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen. Darüber hinaus können sie dazu beitragen, soziale Kosten zu reduzieren, indem sie beispielsweise das Gesundheitssystem entlasten oder die Kriminalitätsrate senken.
Soziale Innovationen werden auch Herausforderungen mit sich bringen, insbesondere für etablierte Branchen oder Unternehmen, die sich möglicherweise an neue Standards und Praktiken anpassen müssen. Darüber hinaus müssen soziale Innovationen sorgfältig evaluiert werden, um sicherzustellen, dass sie tatsächlich die gewünschten positiven Auswirkungen haben und nicht unvorhergesehene negative Konsequenzen nach sich ziehen.
Insgesamt ist die Förderung von sozialen Innovationen jedoch entscheidend für die Schaffung einer nachhaltigeren und inklusiveren Wirtschaft und Gesellschaft.
Norbert Kunz, April 2024
Empfehlung zum Weiterlesen:
https://www.progressives-zentrum.org/milliardenpotenzial-ungenutzt-soziale-innovationen-und-transformation/
